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Montag, 26. April 2010

Der Mossad und die deutschen Geheimdienste


Gehlens Erben und die «Blaumeise»
Der Mossad und die deutschen Geheimdienste kooperieren seit den späten 1950er Jahren eng

Als im Oktober 1991 eine als land- und forstwirtschaftliches Gerät getarnte Lieferung von Material der ehemaligen NVA im Hamburger Hafen von der Wasserschutzpolizei entdeckt wurde, für die BND-Mitarbeiter verantwortlich waren und deren Zielort Israel sein sollte, war das Erstaunen in Presse und Öffentlichkeit groß. Von Waffenschmuggel und illegalen Rüstungsgeschäften war die Rede. Es kam sogar zum Gerichtsprozess gegen zwei BND-Männer, der jedoch mit einem Freispruch endete. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass es sich um einen politisch gewollten und keineswegs unüblichen Vorgang handelte, bei dem es quasi lediglich zu Formfehlern gekommen war. Gab es da etwa einen Aspekt der deutsch-israelischen Beziehungen, welcher der Allgemeinheit bislang verborgen geblieben war?

In der Tat ist dieses bilaterale Verhältnis - von Städtepartnerschaften und Jugendaustausch über Wissenschaftskooperation bis hin zu diplomatischen Kontakten - wie kaum ein anderes öffentlich beleuchtet worden. Häufig wurde es hierbei als eine Einbahnstraße dargestellt: Deutschland als Geber, Israel als Nehmer. Die Wenigsten wussten jedoch darüber Bescheid, dass es auch im Sicherheitsbereich seit langem eine enge Zusammenarbeit gab, von der nicht zuletzt die Bundesrepublik enorm profitierte. Denn diese Partnerschaft wurde lange Zeit geheim gehalten. Die Gründe dafür lagen zum einen in der Natur der Sache selber. Zum anderen war die Zusammenarbeit mit hohen politischen Risiken versehen, denn die BRD wollte ihr Verhältnis zu den arabischen Staaten nicht aufs Spiel setzen und Israel wollte einen Aufschrei ob der sensiblen Kontakte mit den Deutschen in der eigenen Bevölkerung vermeiden.

«Kooperieren mit dem Teufel!»

Die Zusammenarbeit zwischen BND und Mossad begann 1957 und kam wahrscheinlich auf Initiative des Chefs des deutschen Auslandsnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen, zustande. Möglicherweise wurde der erste Kontakt über die damalige israelische Mission in Köln aufgenommen, deren Aufgabe in der Umsetzung des Luxemburger Abkommen über die so genannte «Wiedergutmachung» bestand und in der auch ein einfacher Mossad-Mitarbeiter stationiert war. Die Voraussetzungen für weitere Kontakte waren jedoch keineswegs einfach: Auf israelischer Seite waren die Vorbehalte gegenüber Gehlen, der während des Dritten Reichs Chef des Wehrmachtsdienstes Fremde Heere Ost gewesen war, groß. Es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass der BND von alten Nazis geradezu durchsetzt war. Einige arbeiteten als inoffizielle Mitarbeiter in arabischen Ländern, wo sie häufig mit offenen Armen empfangen worden waren. Zudem unterhielten Israel und die BRD trotz des Luxemburger Abkommens von 1952 keine offiziellen diplomatischen Beziehungen.

Andererseits sah der damalige Mossad-Chef, Isser Harel, die Notwendigkeit, mit den Westdeutschen zu kooperieren, da Israel jeden Verbündeten brauchte und es sich nicht leisten konnte, aus moralischen Gründen oder persönlichen Emotionen heraus eine Zusammenarbeit abzulehnen, die für die Sicherheit des jungen Jüdischen Staates wichtig sein konnte. Dies bedeutete natürlich nicht, dass man die Vergangenheit vergessen wollte. Doch setzte sich nach zahlreichen internen Querelen beim Mossad schließlich die pragmatische Linie Harels durch, die er gegenüber seinen eigenen Leuten lautstark mit den Worten zusammenfasst haben soll: «Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel.»

So waren nicht zuletzt für den Mossad auch Erkenntnisse der deutschen Seite wichtig, die diese durch ihre Informanten in arabischen Ländern sammelte. Umgekehrt hatten die Deutschen den Beitrag des Mossads zum erfolgreichen Sinai-Feldzug Israels 1956 wahrgenommen und wussten um dessen Netz von Agenten in Osteuropa. Sie benötigten dringend Informationen über die DDR und die anderen Staaten des Warschauer Paktes. Dies umso mehr, nachdem der BND durch den Verrat seines langjährigen Mitarbeiters Heinz Felfe einen Großteil seiner geheimen Quellen im Ostblock verloren hatte.

Gehlen beauftragte seinen Vertrauten, General Wolfgang Langkau, der auch Verbindungsoffizier des BND für den Kontakt mit den Israelis war, den deutschen Auslandsnachrichtendienst neu aufzubauen. Bis aber neue Agentennetze geschaffen werden konnten, musste der Mangel an Quellen durch eine intensivierte Kooperation mit einem anderen Dienst überbrückt werden, der in der Lage war, den BND mit aktuellen Informationen zu versorgen, die dieser dann der Regierung als seine eigenen präsentieren konnte. Die britischen und französischen Dienste kamen dafür nicht infrage, da sie zum einen mit Konflikten, die sich aus dem Rückzug aus den Kolonien ergaben, beschäftigt waren, zum anderen den Deutschen nicht trauten und diese auch aus den nachrichtendienstlichen Beziehungen zu afrikanischen Staaten heraushalten wollten, welche im Kontext des Kalten Kriegs zunehmend an Bedeutung gewannen. In eine erneute Abhängigkeit von den Amerikanern hingegen - die ja seinen Dienst mitgegründet hatten und von denen er sich erst einige Jahre vorher emanzipiert hatte - wollte Gehlen sich nicht begeben. So fiel die Wahl auf die Israelis. Der BND war vor allem an einer ganz besonderen Quelle des Mossads interessiert: den Befragungen von jüdischen Emigranten, die aus den Warschauer-Pakt-Staaten nach Israel kamen.

BND auf dem Prüfstand

Harel wusste allerdings, dass der westdeutsche Dienst von sowjetischen Agenten infiltriert war, und er hatte auch Vorbehalte wegen der Kontakte des BND zu arabischen Staaten. Deshalb entschied er sich dafür, die Deutschen zunächst einmal auf die Probe zu stellen. So ließ er sie gewisse Informationen beschaffen, die dem Mossad bereits vorlagen, ohne dass die deutsche Seite dies wusste. Auch ließ er den BND im Rahmen diverser Operationen Mossad-Mitarbeiter in osteuropäische Länder hinein- und hinausschmuggeln und bei der Organisation der Einwanderung von Juden aus diesen Ländern nach Israel helfen. Die Ergebnisse stellten ihn anscheinend zufrieden, denn er beschloss, die Zusammenarbeit mit dem BND zu vertiefen. So wurde der erste Mossad-Verbindungsoffizier, Chaim Yizchaki, nach Deutschland geschickt, um in der Israelischen Mission als Chauffeur getarnt zu arbeiten. Im Winter 1960/61 kam es dann zum ersten Besuch Harels im BND-Hauptquartier in Pullach.

Gehlen bot dem Mossad, der im BND-Jargon den Decknamen «Blaumeise» bekam, unter anderem operative Freiheit auf deutschem Boden sowie Unterstützung an. Er soll den Israelis sogar Kopien oder zumindest Ausschnitte des täglichen Lageberichts seines Dienstes an den Bundeskanzler offeriert haben. Im Gegenzug verlangte er vom Mossad Informationen über die Warschauer-Pakt-Staaten.

In der Folgezeit kam es zu immer häufigeren Besuchen anderer Mossad-Offiziere in Pullach. Beauftragt mit der Verbindung zu den Israelis wurde General Langkau, bekannt unter den Decknamen Langendorf oder Holten. Er schätzte die Professionalität und Verlässlichkeit der israelischen Informationen sehr und entwickelte gute persönliche Beziehungen zu Harels Nachfolger Meir Amit. Auf israelischer Seite war der Mossad-Resident in Paris, Shlomo Cohen, für den Kontakt zum BND verantwortlich.

Cohen verstand sich darauf, Personen für eine nachrichtendienstliche Arbeit anzuwerben, sie jedoch dabei im Glauben zu lassen, sie arbeiteten für ein anderes Land. So rekrutierte er einige arabische Diplomaten in Bonn und ließ sie glauben, dass sie für die NATO oder sogar die Deutschen arbeiten würden. Der BND duldete dies gemäß der Vereinbarung zwischen Gehlen und Harel - und unterstützte wo nötig. Diese Operationen «unter falscher Flagge» halfen dem Mossad, wertvolle Informationen über arabische Staaten zu gewinnen. Gerade die Beschaffung aus arabischen Ländern war nach dem Rückzug der Franzosen und Briten aus dem arabischen Raum schwieriger geworden, da man als Ausländer aus dem Westen nicht mehr so einfach operieren konnte und das damit erhöhte Risiko, enttarnt zu werden, auch eine Gefahr für die lokalen jüdischen Gemeinden bedeutete.

Von deutscher Seite kamen neue kooperative Leistungen hinzu. Selbst ehemalige Nazis wie Otto Skorzeny, Hitlers Offizier für besondere Operationen, Befreier Mussolinis aus dessen Gefangenschaft auf dem Gran Sasso und später mutmaßlicher Kopf der Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen (ODESSA), wurde als Waffenhändler mit Sitz in Madrid vom Mossad eingespannt. Auch diente er den Diensten mit Informationen aus dem Umfeld ehemaliger Nazis. Einige von ihnen arbeiteten später sogar auf die eine oder andere Weise mit dem Mossad zusammen - nach der Entführung Adolf Eichmanns nicht zuletzt auch aus Furcht vor dem israelischen Geheimdienst.

Operation «Damokles»

Die operative Freiheit auf bundesdeutschem Boden nutzte der Mossad unter anderem, um gegen deutsche Wissenschaftler vorzugehen, die im Dritten Reich am V2-Programm in Peenemünde mitgearbeitet hatten und in den 1950er Jahren von Ägypten angeworben worden waren. Jene Forscher sollten nun ein hochwirksames Raketenprogramm für Präsident Nasser entwickeln. Aus Israels Sicht waren die Raketen, die in Ägypten unter deutscher Leitung hergestellt wurden, deren Technologie jedoch an Instituten in der BRD entwickelt wurde, eine unmittelbare Bedrohung. Harel gab die Order aus, die Wissenschaftler zu finden und sie davon abzuhalten, diese Arbeit fortzuführen. Durch seine Recherchen kam der Mossad auf eine ägyptische Tarnfirma namens «Intra-Händel» in Stuttgart, welche die Zusammenarbeit mit den deutschen Wissenschaftlern koordinierte und Material für das Raketenprogramm lieferte. David Ben-Gurion lehnte es jedoch ab, direkt bei Kanzler Adenauer zu intervenieren, da er die damals gleichzeitig laufenden deutschen Waffenlieferungen an Israel nicht aufs Spiel setzen wollte. Stattdessen leitete der Mossad Maßnahmen ein, die unter dem Namen Operation «Damokles» bekannt sind. Bis 1965/66 hatten die meisten deutschen Wissenschaftler Ägypten verlassen. Im Yom-Kippur-Krieg kamen die mit deutscher Hilfe entwickelten Raketen zwar noch zum Einsatz. Sie konnten jedoch nicht den befürchteten und für den Kriegsausgang entscheidenden Schaden anrichten, da ihnen ein Navigationssystem fehlte.

Der BND war in Bezug auf Israel auch in anderer Hinsicht aktiv: bei der Abdeckung und Abwicklung geheimer Rüstungslieferungen aus der BRD. Die Aufgabe der Dienste bestand darin, darauf zu achten, dass die Lieferungen selbst gegenüber befreundeten Staaten geheim blieben. Zu diesem Zweck verzichtete man nach Möglichkeit auf Schriftliches, ließ die Gelder über Bankkonten fließen, welche von Agenten beider Dienste unterhalten wurden, und entfernte alle Markierungen, die darauf hindeuteten, dass die Waffen aus der BRD kamen.

Ein besonderes Kapitel deutsch-israelischer Geheimdienstbeziehungen ist auch der umfangreiche wehrtechnische Austausch. Die Israelis hatten über die Jahre hinweg zahlreiche Waffensysteme sowjetischer Bauart von ihren arabischen Gegnern erbeutet. Mit solchen oder ähnlichen Systemen sah sich die BRD im Konfliktfall mit dem Warschauer Pakt konfrontiert. Es galt folglich, in ihren Besitz zu gelangen, um sie testen zu können und die eigenen Waffensysteme dementsprechend anzupassen beziehungsweise weiterzuentwickeln. Die Abwicklung des Austauschs oblag den Nachrichtendiensten. Nicht zuletzt wurde der BND von deutscher Seite damit betraut, um im Falle eines Bekanntwerdens das Kanzleramt von jeglichen Vorwürfen der Mitwisserschaft zu entlasten. Ein solcher Fall trat im eingangs erwähnten Skandal um die über den Hamburger Hafen abgewickelten Lieferungen auf.

«Cerberus» und Bargeldkoffer

Die Abwicklung von «Cerberus», einem der geheimsten Rüstungsprogramme der BRD lief ebenfalls über die Geheimdienste. Es handelte sich hierbei um die Entwicklung eines Radarstörsenders für die Tornados der Bundeswehr durch Israel - ein System, das in den Worten eines ehemaligen BND-Präsidenten «für Aufklärungs- und Kampfzwecke unerläßlich» war. Die Bedeutung von «Cerberus» geht nicht zuletzt daraus hervor, dass die Finanzierung durch den BND zumindest in den ersten Jahren abgewickelt wurde, indem Beamte des Dienstes sprichwörtlich mit Bargeld in Koffern nach Israel reisten. Der Name des Systems tauchte nicht einmal im Haushaltsplan der Bundesregierung auf.

Selbst auf dem hochsensiblen Gebiet der Gegenspionage arbeiteten der deutsche Auslandsnachrichtendienst und der Mossad eng zusammen. 1970 reisten beispielsweise Mitarbeiter der BND-Unterabteilung für Sicherheit nach Israel, um dort ehemalige jüdische Mitarbeiter des polnischen Nachrichtendienstes UB zu befragen. Diese waren nach der Antisemitismuswelle von 1968 übergelaufen. Durch die Befragungen konnte die KGB-Agentin Ursula Bulla, frühere Sekretärin des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Wilhelm Mellies, enttarnt werden.

Gemeinsam hörten die Dienste mitunter auch verschlüsselte Botschaften von arabischen Staaten ab. Dabei kam es dann zu einem intensiven Austausch zwischen Kryptographieexperten beider Seiten. Der Mossad hatte mehr technische und sprachliche Erfahrungen in diesem Bereich, die Deutschen hingegen größere Kapazitäten. BND- und BfV-Mitarbeiter wurden in arabischen Familien in Israel untergebracht, um ihre Sprachfähigkeiten im Arabischen zu verbessern.

Im Mai 1972 fand im Flüchtlingslager Badawi im Libanon auf Einladung palästinensischer Organisationen eine internationale Konferenz von Terroristengruppen statt. An dieser Konferenz nahmen auch RAF-Mitglieder teil, die in den Folgejahren mit palästinensischen Terrorgruppen zusammenarbeiteten. Der Mossad erfuhr von der Teilnahme der deutschen Terroristen und beschloss, seine guten Kontakte zum BND zu benutzen, um mehr über die Aktivitäten der PLO in Europa zu erfahren. In der Folge kam es auch zu einer engeren Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz.

Mit dem aus dem Nahen Osten nach Europa schwappenden Terrorismus waren die deutschen Dienste vollkommen überfordert, wie der Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft und ihre anschließende Ermordung 1972 in München zeigte. Israel intensivierte in der Folge seinen Informationsaustausch mit dem Verfassungsschutz. Vom BND erhielten die Israelis im Gegenzug Informationen über die Unterstützung palästinensischer Terrorgruppen durch den Ostblock. Der Verfassungsschutz stellte einen direkten Kontakt her zwischen David Kimche und dem Chef des Bundeskanzleramts, Manfred Schüler, der ab 1975 auch für die Koordination der bundesdeutschen Nachrichtendienste zuständig war. Es wurde vereinbart, dass Schüler regelmäßig Unterrichtungen des Mossad über die Terrorszene erhalten sollte, die er dann an Kanzler Schmidt weiterleitete. So kam es, dass die deutsche Seite es auch tolerierte, wenn der Mossad Informanten aus dem Milieu palästinensischer Studenten in der BRD rekrutierte.

Auf den Spuren der RAF

Im Januar 1976 wurden drei palästinensische Terroristen in Nairobi festgenommen, die geplant hatten, eine El Al-Maschine bei der Landung auf dem Flughafen mit Raketenwerfern zu beschießen. Die kenianischen Behörden waren vom Mossad gewarnt worden, der wiederum die Informationen von Quellen aus dem Sympathisanten-Umfeld der RAF erhalten hatte. Die Festnahme der Palästinenser wurde geheim gehalten. Kurz darauf kamen zwei deutsche Terroristen, Brigitte Schulz und Thomas Reuter, in Nairobi an, um herauszufinden, was aus ihren palästinensischen Kollegen geworden war. Auch sie wurden von den Kenianern festgenommen und wie die Palästinenser zuvor dem Mossad übergeben, der sie nach Israel ausflog. Informationen aus dem Verhör wurden schließlich dem Verfassungsschutz übergeben. Ebenso erhielten die Deutschen später einen Teil der Unterlagen über das Training deutscher Terroristen in palästinensischen Lagern, welche die Israelis bei ihren Operationen im Libanon 1978 und 1982 erbeuten konnten. Diese Dokumente halfen den bundesdeutschen Behörden dabei, bekannte RAF-Terroristen zu verfolgen und bestimmte Unterschlupfmöglichkeiten und Waffendepots in der BRD ausfindig zu machen.

Der BND erfüllte für die Israelis auch die Funktion eines Kanals zu einem ihrer Hauptfeinde, mit dem bis heute keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten werden: dem Iran. Auf Vermittlung des BND und unter Aufsicht von Staatsminister Bernd Schmidbauer, dem damaligen Koordinator der deutschen Nachrichtendienste, verhandelten die Israelis Mitte der 1990er Jahre mit dem iranischen Geheimdienstminister, Ali Fallahian, im Bonner Kanzleramt über einen Austausch von gefangenen und gefallenen Soldaten. Nicht zuletzt ging es dabei auch um Informationen über das Schicksal des entführten israelischen Piloten Ron Arad. 1996 kam es zum ersten Austausch von gefangenen Hisbollah-Kämpfern und den sterblichen Überresten israelischer Soldaten. Weitere folgten.

Die Verhinderung der Proliferation von Massenvernichtungswaffen stellt ein weiteres Feld gemeinsamer Interessen der beiden Dienste dar. So hatten BND und Mossad schon Jahre vor dem Golfkrieg von 1991 Informationen über die Aufrüstung des Irak ausgetauscht. Doch hatte die deutsche Regierung vor der Besetzung Kuwaits nicht so recht an die Gefahr glauben wollen, die von Saddam Hussein ausging. Auch der israelische Außenminister, Moshe Arens, konnte im Dezember 1990 den deutschen Kanzler nicht von der Gefahr überzeugen, obwohl einige seiner Informationen aus deutschen Quellen stammten. Es bedurfte eines Besuches hochrangiger Mossad-Offiziere bei Kohl, um ihn schließlich dazu zu bewegen, Israel durch Rüstungslieferungen bei seiner Verteidigung zu unterstützen.

Gemeinsame Interessen bleiben

Die deutsch-israelische Zusammenarbeit im Bereich der Nachrichtendienste wird bis heute von einer Vielzahl gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Bedrohungen motiviert. Sie kam vor allem deshalb zustande, weil jede Seite besondere Fähigkeiten oder Möglichkeiten hatte, über die der Partner nicht verfügte. Die Interessensüberschneidungen waren dabei so stark, dass man auch historisch-emotionale Hindernisse zugunsten pragmatischer Kooperation überwand. Veränderungen in der Bedrohungslage haben der Zusammenarbeit keinen Abbruch getan. Vor allem aber wurde diese Kooperation auch in Zeiten fortgeführt, in denen es auf offizieller diplomatischer und politischer Ebene Verstimmungen gab. Denn beide Seiten profitierten davon enorm. Auch in der Gegenwart sind beide Länder mit Gefahren für ihre Sicherheit konfrontiert: Internationaler islamistischer Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und regionale Instabilität - um nur einige zu nennen. Als neue Herausforderungen werden sie die nunmehr seit fast fünf Jahrzehnten existierende Zusammenarbeit der Nachrichtendienste beider Länder auch in Zukunft ansprechen.

Yves Pallade


http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.473.html

Dienstag, 13. April 2010

NaZi-Gehlen, CIA & Mossad






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Hitlers "jüdische" Soldaten, der Rebbe und der NS-Major



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Berliner Zeitung


Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel In einer Villa in Pullach bei München, in der einst Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann residierte, besiegelten an einem Wintertag Anfang der 60er-Jahre ein früherer Nazi-Geheimdienstchef und ein Überlebender des Holocaust die geheime Zusammenarbeit des deutschen Bundesnachrichtendienstes mit dem israelischen Mossad.

08.01.2000

Magazin -Seite M6

Shlomo Shpiro

Die Wache an der Einfahrt zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach nimmt Haltung an, als die zwei Autos das Tor erreichen. Ein kurzer flüchtiger Blick ins Wageninnere, dann öffnet sich die Einfahrt zu dem Gelände. Die beiden Fahrzeuge rauschen über eine Betonstraße, vorbei an Elektrozäunen und Wachhunden. Vor der "Doktor-Villa", wo einst Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann residierte, stoppen die Wagen. Dem ersten Auto entsteigt ein kleiner, unscheinbarer Mann, stapft durch den Schnee auf eine Gruppe wartender Männer zu und wird von ihnen mit Handschlag begrüßt.

Die streng geheime Begegnung in der ehemaligen "Rudolf-Heß-Siedlung" an der Pullacher Heilmannstraße, seit 1955 Domizil des Bundesnachrichtendienstes (BND), fand im Winter 1960/61 statt. Es war die Hochzeit des Kalten Krieges. Das Treffen, dessen genaues Datum und Zustandekommen bis heute so gut wie nicht bekannt geworden ist, markiert einen historischen Schnitt in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem damals noch jungen Staat Israel.

Denn der kleine Mann, der so respektvoll von der BND-Führung in Pullach empfangen wurde, war Isser Harel, Chef des israelischen Nachrichtendienstes Mossad. Sein Besuch galt Reinhard Gehlen, dem damaligen Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) und früheren Chefspion Hitlers im Wehrmachtsgeheimdienst Fremde Heere Ost. Der Besuch war der offizielle Beginn einer kurz zuvor zaghaft begonnenen geheimdienstlichen und militärischen Kooperation zwischen Deutschland und Israel, die nun schon mehr als vier Jahrzehnte andauert.

Als das Treffen in Pullach stattfand, unterhielten Israel und Deutschland trotz des Wiedergutmachungsabkommens von 1952 keine offiziellen Beziehungen. Die öffentliche Meinung im Judenstaat war dagegen zu frisch waren noch die Erinnerungen an den Holocaust, dem Millionen von Juden zum Opfer gefallen waren. Israelische Pässe trugen den Stempel "Zugelassen für alle Staaten außer Deutschland".

Unter den israelischen Geheimdienstoffizieren waren aber viele, die bei allem Schmerz über die Vergangenheit schon an die Zukunft dachten. Sie waren überzeugt, dass die Beziehungen nach Deutschland entscheidend sein würden für die Sicherheit ihres jungen Staates und eine erfolgreiche Geheimdienstarbeit.

Und auch beim BND gab es nicht wenige, die sich für eine Liaison mit dem Mossad zu interessieren begannen. Gehlen hatte vor allem der Anteil des Mossad am erfolgreichen Sinai-Feldzug der Israelis beeindruckt. Auch wusste er um das fein gesponnene Netz von israelischen Agenten in Osteuropa, von deren Erkenntnissen er gern profitieren wollte.

Schließlich war es Gehlen, der die Initiative übernahm. Er beauftragte einen Vertrauensmann, Deckname "Dr. Schmidt", den Kontakt mit den Israelis zu suchen und das Interesse der Deutschen für eine Zusammenarbeit zu signalisieren.

Der Mossad-Chef Harel, der viele Angehörige durch den Holocaust verloren hatte, sah zwar das Potenzial für eine Zusammenarbeit. Aber er war gleichzeitig besorgt über die sowjetische Infiltration des Gehlen-Dienstes und die engen Beziehungen Pullachs zu arabischen Staaten. Harel billigte deshalb zunächst eine begrenzte Zusammenarbeit, um die Möglichkeiten und die Aufrichtigkeit des BND zu testen, den Mossad bei Operationen in Osteuropa zu unterstützen.

Harel ließ dazu zunächst BND-Agenten beauftragen, bestimmte Informationen zu sammeln und sie Israel zukommen zu lassen. Tatsächlich lagen diese Informationen dem Mossad aber bereits vor. Auf diese Weise wollten die Israelis die Zuverlässigkeit der Deutschen testen.

Der Test erbrachte zufrieden stellende Ergebnisse. Also beschloss Harel, eine engere Kooperation mit dem BND einzugehen.

Die Möglichkeiten dieser Zusammenarbeit waren auch der Gegenstand jenes Geheimtreffens im Winter in Pullach. "Es war eine seltsame Situation, die ich dort erlebte", erinnert sich Harel in einem Gespräch an die Zusammenkunft. Die Wachen am Tor, die Elektrozäune und die Hunde auf dem Gelände all das habe ihn an ein Konzentrationslager erinnert. Zwischen ihm und Gehlen habe eine Distanz geherrscht, die nicht nur von Respekt getragen worden sei. Doch die Unterschiede und Antipathien zwischen den beiden Geheimdienstchefs standen einer Kooperation nicht im Wege verband Gehlen und Harel doch ihr strenger Antikommunismus und der Wille, gemeinsam gegen die kommunistische Bedrohung in Europa und im Mittleren Osten zu kämpfen.

Dennoch war die Zusammenarbeit heikel. Eines der Hauptprobleme war die Präsenz vieler Offiziere aus Hitlers Geheimdiensten in Gehlens BND, die dort meist leitende Funktionen inne hatten. Auch hatte Gehlen eine Reihe von bekannten Nazis als inoffizielle BND-Mitarbeiter in arabische Staaten entsandt, wo sie wegen ihrer in der Vergangenheit unter Beweis gestellten antisemitischen Haltung mit offenen Armen empfangen wurden.

"Darüber gab es bei uns viele Diskussionen", sagt Isser Harel. Das sei manchmal sogar so weit gegangen, dass er mit der Faust auf den Tisch schlug und seine Leute anbrüllte, "dass ich ihnen sogar befehlen würde, mit dem Teufel zu kooperieren, wenn es der Sicherheit des Staates Israel dienen würde. Wir einigten uns im Mossad schließlich darauf, dass die künftige Sicherheit Israels, das von seinen viel stärkeren arabischen Nachbarn bedroht wurde, wichtiger war als alle unsere Gefühle über die Vergangenheit. " Der Mossad fand sogar Wege, ehemalige Nazis für seine Ziele einzuspannen. So arbeitete Otto Skorzeny, Hitlers Lieblingsoffizier, der während des Krieges in einer tollkühnen Aktion Mussolini aus dessen Gefangenschaft auf dem Gran Sasso befreit hatte, als Waffenhändler für den BND und den Mossad in Madrid. Auch lieferte er beiden eine Vielzahl von Informationen aus dem Milieu der "alten Kameraden".

Doch Skorzeny blieb nicht der einzige Nazi, der mit dem Mossad kooperierte. Nach der spektakulären Entführung von Adolf Eichmann durch den Mossad in Argentinien erkannten viele Nazis, dass sie vielleicht durch eine Zusammenarbeit mit dem Mossad einem solchen Schicksal entgehen könnten.

Die Kooperation zwischen BND und Mossad vertiefte sich nach dem Harel-Besuch in Pullach. Immer häufiger waren Mossad-Offiziere willkommene Gäste in der "Rudolf-Heß-Siedlung" und der "Doktor-Villa" von Martin Bormann, in der jetzt der BND-Präsident residierte.

Gehlens größter Wunsch, selbst einmal im Hauptquartier des israelischen Geheimdienstes begrüßt zu werden, wurde dagegen nicht erfüllt: Die Israelis wollten den Skandal vermeiden, den es gegeben hätte, wenn herausgekommen wäre, dass ein ehemals führender Geheimdienstchef Hitlers im Judenstaat empfangen wurde.

Als Verbindungsoffizier zum Mossad setzte Gehlen seinen langjährigen Adjutanten, General Wolfgang Langkau, ein. Langkau, dessen Dienstname im BND "Langendorf" lautete, war ein hochtalentierter Offizier, der um die Bedeutung Israels für den BND wusste und daher gemeinsame Operationen zwischen beiden Diensten nach Kräften förderte.

Auf der israelischen Seite war der Mossad-Resident in Paris, Shlomo Cohen, für die Zusammenarbeit verantwortlich. Cohen, in Hamburg geboren und ein begnadeter Maler, hatte lange Jahre in Ägypten unter dem Decknamen Jacques Duclos gearbeitet. Tatsächlich hängen noch heute einige Bilder von Duclos in der Ägyptischen Nationalgalerie.

Cohen war ein Meister der so genannten "false-flag operations" (Operationen unter falscher Flagge). Dabei wurden Agenten für den Mossad angeworben, jedoch im Glauben gelassen, sie arbeiteten für ein anderes Land. Geduldet und gefördert vom BND rekrutierte Cohen eine Reihe von arabischen Diplomaten in Bonn, die glaubten, sie arbeiteten für die Nato.

Der BND half auch dabei mit, Mossad-Agenten für einen Einsatz in den arabischen Staaten auszubilden. In einem "sicheren Haus" in München wurden die Mossad-Offiziere in Spionage, Funkverkehr, Geheimschrift und Dokumentenfälschung ausgebildet. Gehlen selbst nahm am Pistolenschießen mit den Mossad-Agenten auf der BND-eigenen Schießbahn teil.

Israel profitierte aber auch noch auf einem anderen wichtigen Gebiet von der Kooperation des Mossad mit dem BND bei der Aufrüstung des Judenstaates. Die streng geheimen Waffenlieferungen der Bundesrepublik an Israel wurden schon damals durch den Gehlen-Dienst abgedeckt. Dabei zog von Anbeginn an einer der für den BND wichtigsten Politiker die Fäden der spätere CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Strauß, damals Bundesverteidigungsminister in Bonn, empfing Ende 1958 mehrmals seinen israelischen Amtskollegen Shimon Peres zu vertraulichen Gesprächen in seinem Privathaus in Zell am See. In der Folge dieser Gespräche gingen deutsche Panzer und Militärfahrzeuge über Drittländer an Israel.

So wurden Panzer, getarnt als zivile Handelslieferungen, nachts im Hamburger Hafen verladen. In Rotterdam lud man die Tanks auf israelische Schiffe um.

Geheime Absprachen erfolgten auch mit Politikern in Italien, wo deutsche Panzer für israelische Bedürfnisse umgebaut wurden. So lieferte Deutschland klammheimlich amerikanische M-48-Panzer nach Italien. Dort hatte der Geheimdienst schon alles vorbereitet, um in der Rüstungsfabrik von Breda die Bewaffnung der Tanks gegen großkalibrigere Kanonen auszutauschen.

Auch mit Frankreich gab es Absprachen zur heimlichen Aufrüstung der Israelis. Danach bezahlte die Bundesregierung Frankreich Geld für die Lieferung von Helikoptern und Flugzeugen, die offiziell aber als französische Hilfeleistung gekennzeichnet waren.

BND und Mossad hatten darauf zu achten, dass die Lieferungen geheim und auch befreundeten Staaten verborgen blieben. Nichts wurde daher schriftlich festgehalten, alle Gelder flossen über Bankkonten, die von Agenten beider Geheimdienste unterhalten wurden. Die gelieferten Waren hatte man so manipuliert, dass nichts auf ihre deutsche Herkunft hinwies.

Ein Bespiel für die strikte Geheimhaltung war die Lieferung zweier Schnellboote von der Burmester-Werft in Bremen an die israelische Marine Ende der 50er-Jahre. Bis zu ihrer Außerdienststellung im Jahre 1980 galten die damals hochmodernen Boote als Produkte einer israelischen Werft. Niemandem fiel offenbar auf, dass Israel Ende der 50er-Jahre überhaupt noch keine Schiffbauindustrie besaß.

Franz Josef Strauß, der bei dieser Zusammenarbeit der beiden Geheimdienste eine Schlüsselstellung inne hatte, wollte mit dieser Kooperation nicht nur die Beziehungen zum jüdischen Staat nach dem Holocaust aufbauen. Er verstand sie vor allem auch als Investition in die Zukunft der deutschen Rüstungsindustrie, weshalb er sich persönlich sehr stark engagierte.

Ein extremes Beispiel dafür ist folgende bislang unbekannte Episode: An einem Abend Anfang der 60er-Jahre rollte eine dunkle Mercedes-Limousine vor das Tor der israelischen Mission in Köln. Die Fenster des Wagens waren mit Gardinen verhangen. Als die Wachen zu dem Fahrzeug gingen, bat der Fahrer, den Verbindungsoffizier des Mossad, Herrn Y. , zu holen. Als Y. kam, stieg der Fahrer aus und übergab ihm einen großen Gegenstand, der in einen Mantel eingewickelt war. "Das ist für die boys in Tel Aviv", sagte der Mann, stieg in sein Auto und fuhr davon.

Der Fahrer der Mercedes-Limousine war Franz Josef Strauß, und er hatte dem Mossad-Residenten eine Panzergranate übergeben, die in Deutschland entwickelt worden war.

Am 6. November 1961 wurde Heinz Felfe, einer von Gehlens engsten Mitarbeitern und zuständig für die Analyse östlicher Geheimdienste, wegen Spionage für den KGB verhaftet. Felfe, ein früherer SS-Obersturmbannführer, hatte seit zehn Jahren als Maulwurf des KGB praktisch das gesamte Spionagenetz des BND in Osteuropa verraten. Die Person, die Felfe überführte, war General Langkau der Verantwortliche für die Zusammenarbeit mit dem Mossad.

Die Kooperation der beiden Geheimdienste gewann nun an zusätzlicher Bedeutung. Über Nacht hatte der BND die meisten Quellen hinter dem Eisernen Vorhang verloren. Felfes Verrat war so umfassend, dass ganze Abteilungen im Pullacher Bundesnachrichtendienst mit einem Mal keine Agenten mehr hatten, von denen sie Informationen bekommen konnten.

Gehlen und Langkau stimmten darin überein, dass sie, bis der BND ein neues Agentennetz im Osten aufgezogen haben würde, auf die Hilfe anderer Dienste zurückgreifen mussten, um der politischen Führung in Bonn auch weiterhin aktuelle Informationen zukommen zu lassen. Doch Gehlen zögerte, mit den Briten oder Franzosen zusammenzuarbeiten, die er als Konkurrenten ansah.

Deshalb setzte er auf den Mossad. Gehlen bot den Israelis Unterstützung auf allen Gebieten an. Er offerierte dem Mossad sogar Kopien des täglichen BND-Lageberichts an den Bundeskanzler, das höchstklassifizierte Dokument in der deutschen Regierung. Als Gegenleistung wünschte sich der BND-Chef Informationen aus der DDR und dem Warschauer Pakt. Auch bot er dem Mossad Unterstützung und völlige Freiheit für dessen geheimdienstliche Aktivitäten in Deutschland an.

Besonders Letzteres war für den Mossad von großer Bedeutung. Denn die Israelis hatten erfahren, dass in den späten 50er-Jahren eine Reihe von deutschen Raketenwissenschaftlern durch den ägyptischen Geheimdienst angeworben worden waren. Diese Wissenschaftler hatten im Hitler-Deutschland am V2-Programm in Peenemünde mitgewirkt. Die Ägypter waren dabei, ein umfangreiches Raketenprogramm zu entwickeln, mit dem sie die großen Städte Israels bedrohen und in einem Krieg bombardieren wollten. Während die Herstellung der Raketen von deutschen Spezialisten in Ägypten geleitet wurde, erfolgte die Forschung und Entwicklung der Technologie an Instituten in Deutschland, die zudem noch Gelder von der Bundesregierung erhielten.

Harel betrachtete diese Aktivitäten als ein großes Risiko für die Sicherheit Israels. Ausgerüstet mit chemischen oder biologischen Sprengköpfen, könnten diese Raketen verheerende Schäden unter der israelischen Bevölkerung anrichten. Harel wies deshalb seine Leute an, die wichtigsten Wissenschaftler aufzuspüren und "sie davon abzuhalten, ihre Arbeit zu vollenden", wie er sagt.

Die Recherchen führten die Mossad-Agenten zu einer Firma in Stuttgart mit dem Namen Intra, ein ägyptisches Tarnunternehmen, das die Zusammenarbeit mit den Deutschen bei der Raketenforschung koordinieren sollte. Harel sah das Problem als ein politisches an und bat Premierminister David Ben-Gurion, einen strengen Protest an Bundeskanzler Adenauer zu senden. Ben-Gurion aber, der die geheimen Waffenlieferungen Deutschlands an Israel nicht aufs Spiel setzen wollte, lehnte den Vorschlag ab. Harel gab daraufhin seinen Posten als Mossad-Chef auf, sein Nachfolger wurde Meir Amit.

Amit, der zuvor dem Militärgeheimdienst vorstand, wies ein ruhiges, aber effektives Ende des "Wissenschaftler-Problems" an. Zum Einsatz kam ein hoch spezialisiertes "hitsquad", ein Einsatzkommando des Mossad, das eine Reihe von Anschlägen gegen die am Raketenprogramm der Ägypter beteiligten Wissenschaftler in Deutschland ausführte.

Ungeklärt ist bis heute, wer das "hitsquad" leitete. Unbelegt, aber auch nicht widerlegt, ist die Behauptung, der spätere israelische Ministerpräsident Shamir habe damit etwas zu tun gehabt. Fest steht, dass Shamir seinerzeit von Harel für den Mossad rekrutiert wurde und eine nicht näher bezeichnete "Sondereinheit" in Paris leitete.

Einige der Wissenschaftler, die in das ägyptische Raketenprogramm involviert waren, verschwanden nach Amits Dienstantritt spurlos. So zum Beispiel der Chef der Firma Intra, der im September 1962 über die Mittagszeit sein Büro verließ und nie mehr wiederkommen sollte. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt.

Auf andere Wissenschaftler wurden Anschläge verübt. Eine Briefbombe explodierte im Büro eines Professors, der in Ägypten arbeitete. Seine Sekretärin wurde dabei schwer verletzt. Ein Ingenieur wurde in Süddeutschland in eine Schießerei verwickelt, er konnte nur knapp dem "hitsquad" entkommen. Andere Beteiligte am Raketenprogramm wurden über ihre in Deutschland lebenden Familien eingeschüchtert.

Gehlen blieben die Aktivitäten des Mossad in Deutschland nicht verborgen. Aber er wies seine Leute an, nichts zu unternehmen, denn die Unterstützung seines BND durch den israelischen Dienst wollte er auf keinen Fall aufs Spiel setzen.

Die Aktionen des Mossad trugen letztlich wesentlich dazu bei, dass bis 1964 die meisten deutschen Wissenschaftler Kairo verließen und sich vom ägyptischen Raketenprogramm zurückzogen. Obwohl die damals entwickelten Raketen im Yom-Kipur-Krieg von 1973 gegen Israel eingesetzt wurden, richteten sie nicht den befürchteten Schaden an das fehlende Navigationssystem der Raketen verhinderte, dass sie einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Krieges nahmen.

Die geheimen Beziehungen zwischen BND und Mossad begannen an jenem Wintertag in Pullach. Als die beiden so unterschiedlichen Männer der einstige Chefspion der Nazis und der Jude, der seine Angehörigen durch den Holocaust verloren hatte übereinkamen, die Vergangenheit zwar nicht zu vergessen, darüber hinaus aber in die Zukunft zu blicken. Sowohl Israel als auch Deutschland profitieren bis heute in enormer Weise von der geheimen Kooperation nicht nur auf dem Gebiet der Spionage, sondern auch auf dem langen Weg der beiden Völker, die Vergangenheit zu überwinden und gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten.

Dr. Shlomo Shpiro ist Assistant Professor an der Bar-Ilan Universität, Tel Aviv, Israel. Seine Spezialgebiete sind Medien, Sicherheitspolitik und Geheimdienste.

Gehlen und Harel verband ihr Antikommunismus und der Wille zum Kampf gegen die kommunistische Bedrohung.

Harel wies an, die Wissenschaftler davon abzuhalten, ihre Arbeit für Ägypten zu voll-enden.

GEHEIME AUFRÜSTUNG Von der Anfang der 60er-Jahre durch den Mossad-Chef Isser Harel und den damaligen BND-Präsidenten Reinhard Gehlen beschlossenen Kooperation beider Geheimdienste versprach sich Israel vor allem militärische Vorteile in seinem Verteidigungskampf gegen die arabischen Nachbarstaaten. Tatsächlich half der deutsche Bundesnachrichtendienst mit Strohmännern und Geheimkonten bei der verdeckten Aufrüstung Israels mit. Auch deutsche Politiker mit guten Beziehungen zum BND, wie Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß, waren zu Diensten. Als sich Anfang der sechziger Jahre herausstellte, dass deutsche Wissenschaftler das ägyptische Raketenprogramm unterstützen, beauftragte der Mossad ein spezielles Einsatzkommando mit Anschlägen auf diese Personen in Deutschland. Der BND griff nicht ein, um die Zusammenarbeit mit dem Mossad nicht zu gefährden. Die geheime Kooperation trug schließlich nicht unwesentlich zum Sieg Israels im Yom-Kipur-Krieg von 1973 bei.

Der BND und der Mossad // Reinhard Gehlen (l. ) leitet von 1942 bis 1945 die Abteilung Fremde Heere Ost. Nach dem Krieg wird er der erste BND-Chef. 1974, Ex-BND-Präsident Reinhard Gehlen bei seiner Anhörung vor dem Guillaume-Untersuchungsausschuss.

Hilfe bei der Aufrüstung Israels // 1963, Franz Josef Strauß (M. ) in Tel Aviv mit den Politikern Shimon Peres (l. ) und Moshe Dayan. 1984, Bundeskanzler Helmut Kohl wird von Regierungschef Yitzhak Shamir in Israel begrüßt.

Berliner Zeitung: Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel